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Präsenzunterricht oder Fernunterricht? Warum online nicht immer besser ist.

Onlineunterricht, videobasierte Lerninhalte, glühende Webcams - Fernunterricht ist beliebt. Doch warum bevorzugen viele Lehrkräfte Präsenzunterricht?
Das Notebook fährt hoch und wird schnell noch so ausgerichtet. Die Haare gemacht, Dreitagebart gestutzt und in der gemütlichen Jogginghose geht es an die aktuelle Unterrichtseinheit - ab der Tischkante sieht es ja sowieso keiner. Dann schnell die paar Stunden Konferenz, immer mal checken, wie der eigene Gesichtsausdruck aussieht und fertig.

Fernunterricht hat aufgrund der vielen guten technischen Möglichkeiten zwischen "shared Documents" und Online-Arbeitsgruppen ein neues Revival erfahren. Denn Vorteile gibt es für Bildungsträger, Schüler und Studenten. Mit Abstand die wichtigen Inhalte vermitteln, direkt von Monitor zu Monitor - alles mit Distanz. Das Klingt besser als es in der Realität ist - sagen viele Lehrkräfte. Und auch Schüler, die Wochen- oder monatelang Unterricht aus der Distanz erfahren, fordern, dass Bildungseinrichtungen schnell wieder geöffnet werden.

Wie gut ist Fernunterricht aus einer didaktischen Sichtweise? Auf welche Aspekte des Lebens, Arbeitens und Lernens können Lehrkräfte und Teilnehmer von Kursen an Schulen, Universitäten und in Fortbildungen nur persönlich, im direkten Miteinander vorbereitet werden?

Was ist Präsenzunterricht?

Als Präsenzunterricht oder Präsenzlehre versteht man jede Unterrichtsform, bei der Lernende und Lehrende in einer Einrichtung zusammentreffen und den Unterrichtsstoff gemeinsam behandeln. Kenntnisse und Fertigkeiten werden dabei vor Ort vermittelt oder für die eigenständige Bearbeitung und Bearbeitung in der Gruppe in Auftrag gegeben.

Die Teilnahme am Präsenzunterricht ist als Teil der schulischen Bildung verpflichtend. Ausnahmen wie Heimunterricht oder das Homeschooling sind nur in manchen Ländern und streng reguliert möglich.

Was ist Fernunterricht?

Fernunterricht oder Fernlehre bezeichnet alle Unterrichtsformen, bei denen Lernende und Lehrende nicht an einem physischen Ort zusammenkommen. Die Unterrichtsform ist in einigen Gebieten mit sehr geringer Bevölkerungsdichte vertreten, in Deutschland allerdings nicht im gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen der Schulpflicht vorgesehen.

Durch moderne Möglichkeiten und die hohe Verfügbarkeit digitaler Endgeräte mit Kameras und Mikrofonen hat Fernunterricht eine neue Bedeutung erhalten, welche die herkömmlichen Formen wie audio- und videobasierte Inhalte nur noch als Element der Vermittlung von Materialien enthalten. Videokonferenzen geben Fernunterricht dabei eine neue Qualität, die stärker an den Präsenzunterricht angelehnt ist.

Übergangsregelungen, in denen der Fernunterricht Präsenzunterricht in Deutschland ersetzte, wurden im Jahr 2020 im Rahmen der Corona-Pandemie beschlossen. Doch als dauerhafte Lösung auch zum Erwerb schulischer oder einer weiterführenden Qualifikation nach Deutschem oder Europäischem Qualifikationsrahmen ist Fernunterricht unüblich und nicht geeignet.

Vorteile von Präsenzunterricht im Vergleich

Um ein Urteil über die Effektivität von Präsenzunterricht zu vertiefen, werfen wir einen Blick auf die einzelnen Unterrichtsformen, die Sie während Ihrer Weiterbildung begegnen.

Frontalunterricht

Beim Frontalunterricht nehmen Lehrkräfte die aktive Rolle ein. Schüler und Kursteilnehmer folgen den Inhalten und verinnerlichen diese. Da Unterrichtsstoff effektiv vermittelt werden kann, ist diese Form nach wie vor beliebt. Frontalunterricht wird in einigen modernen Ansätzen kritisch betrachtet, da eine Gefahr besteht, dass Schüler passiv werden. 

Fernunterricht: Im Fernunterricht ist die Gefahr, dass Einzelne zu kurz kommen groß. Für die Lehrkraft ist schließlich jeder nur ein kleines Fenster in einem Videostream.

Präsenzunterricht: Im Präsenzunterricht können Lehrkräfte direkter auf Reaktionen der Schüler reagieren - auch wenn diese nicht ausgesprochen werden.

Einzelarbeit

Bei der Einzelarbeit erfassen Lernende die Inhalte in Eigenregie. Einzelarbeit erfordert Eigenständigkeit und das geistige Werkzeug, um Sachverhalte erfassen, verinnerlichen, mit bestehendem Wissen verknüpfen sowie anwenden zu können. 

Fernunterricht: Die soziale Komponente wird beim Einzelunterricht nicht geschult. Besonders kurz kommt diese beim Fernunterricht. Auch die individuelle Betreuung fällt bei der digitalen Lösung aus.

Präsenzunterricht: Einzelarbeit erfolgt im Präsenzunterricht mit Unterstützung durch die Lehrkräfte. Diese können individuell auf Fragen eingehen und diese gegebenenfalls vor dem Kurs kurz detaillierter ausführen.

Partnerarbeit und Gruppenunterricht

Die Bearbeitung von Inhalten in Paaren oder Gruppen gilt als modernste Form der Verinnerlichung von Unterrichtsstoff. Neben den kognitiven Fähigkeiten werden auch nicht-kognitive Fähigkeiten, wie soziale Kompetenzen und das Zusammenwirken der Lernenden als eine effektive Einheit geschult. Die Anforderung an Methoden der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Vermittlung von Inhalten ist dabei hoch.

Fernunterricht: Im Fernunterricht gibt es kaum ein soziales Miteinander. Im Chat können zwar Ergebnisse diskutiert werden, die Gruppenarbeit an sich bezieht sich allerdings auf das gemeinsame Wirken an geteilten Dokumenten. Lehrkräfte haben kaum eine Chance, in Echtzeit auf Unstimmigkeiten einzugehen.

Präsenzunterricht: Hier wirken Partner- und Gruppenarbeit mit allen Vorteilen. Lehrkräfte können schnell einschreiten, wenn eine Gruppe den falschen Pfad betritt und gegebenenfalls zwischen Gruppen Regie führen, um Ergebnisse zu optimieren und die Stimmung im Kurs zu beeinflussen.

Fern- oder Präsenzunterricht - das sagen Lehrkräfte

In Zeiten der Corona-Pandemie wurden deutschlandweit Schulen geschlossen. Die Reaktion von Pädagogen darauf war relativ einheitlich. Bildungseinrichtungen müssten so schnell wie möglich wieder geöffnet werden. Dauerhafter Fernunterricht schadet den Schülern und sei vor allem für die Jüngsten kritisch zu sehen.
So sah der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg eine schnelle Öffnung der Schulen unter bestimmten Kriterien der Sicherheit für Schüler und Lehrer für den Erfolg der Lehre als unabdingbar. "Fernunterricht mindert die Qualität erheblich", gab der Vorsitzende des Verbandes, Gerhard Brand, in einem Interview mit dem SWR bekannt.

Auch Fort- und Weiterbildung verlieren an Qualität. Pädagogen sehen den Bildungsauftrag als gefährdet - der Effekt betrifft nicht nur Lehrkräfte öffentlicher Schulen. Auch unsere erfahrenen Pädagogen sprechen sich für Präsenzunterricht aus. So seien Aspekte der technischen Umsetzbarkeit bei der Nutzung bestimmter Dienste zwar gut, doch die Interaktion mit Teilnehmern leide stark. "Die Schwelle" für Lernende, eine Zwischenfrage zu stellen, sei "ungleich höher" - heißt es aus Sicht unserer erfahrenen Lehrkräfte des IFM-Institutes für Managementlehre. 

Aspekte der Interaktion und der Betreuung, welche bei der hohen Dichte der Inhalte, die aufgrund der Effektivität der Unterrichtseinheiten auftritt, kommen dabei zu kurz. Die Vorbereitung auf die wichtigen Positionen, welche nach einer Fortbildung auf Bachelor- und Masterniveau in der deutschen Wirtschaft eingenommen werden sollen, leidet zulasten der Kursteilnehmer.

Inhalte und Motivation nicht übertragbar

Es ist praktisch nicht umsetzbar, die Inhalte aus acht Stunden Präsenzunterricht in derselben Zeit des Online-Unterrichtes unterzubringen. Der Charakter der Lehre leidet darunter, dass nach 45 Minuten bis einer Stunde die Konzentration am Bildschirm geschwächt wird. Verantwortlich dafür ist die Monotonität an den Geräten, welche ohne analoge Medien kaum effektiv gebrochen werden kann. Es ist somit schwerer, dem Unterricht eine gewisse Frische für die Steigerung der Aufmerksamkeit zu verleihen.

Nur ein paar Pixel im Alltag

Moderner Fernunterricht erfüllt dank guter technischer Möglichkeiten und hohen Verbindungsraten die erforderlichen Aspekte der Ausbildung zwar besser als vor einigen Jahren, doch ist er im Vergleich zur Anwesenheit an einem auf die Lehre ausgelegten Ort, nach wie vor zu uneffektiv. Warum ist Fernunterricht noch immer nicht auf dem Stand wie Präsenzunterricht? Woran scheitert es beim Fernunterricht?

Betreuung durch Pädagogen

Die Betreuung durch Pädagogen kann nur im Präsenzunterricht erfolgen. Vor allem schüchterne Kursteilnehmer sind in Videokonferenzen weniger gewillt, etwas zum Kurs beizutragen. Wissenslücken und Unklarheiten bleiben so manchmal einfach bestehen und fallen in der Prüfung oder spätestens im Arbeitsalltag negativ auf.

Gute Pädagogen im Bildungsträger reagieren auf die Regungen der Kursteilnehmer und sind aufgrund der Erfahrung und Expertise in der Lage, die Stimmung der anwesenden Klasse besser zu erfassen. Wenn jeder Teilnehmer auf ein paar Pixeln auf dem Monitor abgebildet ist, besteht kaum eine Möglichkeit, das Verständnis durch nonverbale Äußerungen wahrzunehmen und in den Stoff einfließen zu lassen. Für schnelle individuelle Reaktionen und kurze Vier-Augen-Gespräche, bei denen der Rest des Kurses aktiv teilnimmt, ist kaum Spielraum gegeben.

Aufmerksamkeit der Teilnehmer

Einige Teilnehmer von Online-Treffen berichten, dass sie relativ regelmäßig prüfen, wie Sie in dem kleinen Bild, das sie von sich selbst im Monitor sehen, zur Geltung kommen. Und auch die Umgebung, Familienmitglieder oder Haustiere können die Aufmerksamkeit schmälern. 
Die Aufmerksamkeit leidet auch darunter, dass im Monitor alles in einem gewissen Einheitsbrei untergeht und einige der wenig technikaffinen Teilnehmer sich nur langsam an die Online-Kurse gewöhnen können.
Aufmerksamkeit ist wichtig , um die Inhalte gut in Erinnerung zu behalten, wie es auch in Studien belegt werden konnte.

Psychologischer Effekt auf Motivation

Sich für den Präsenzunterricht auf den Weg zu einer Niederlassung des Bildungsträgers begeben, auf dem Weg mental die Einstellung auf das Lernen einnehmen und vor Ort ein professionelles Umfeld vorfinden, das auf die Aneignung von Wissen ausgerichtet wurde. 
Das heimische Feng-Shui aus Zimmerpflanzen, Wäschebergen und der ablenkenden Umgebung sind da eher hinderlich. Auch der Fakt, dass der Fernunterricht oft am selben Endgerät stattfindet, dass für das Streamen von Filmen und Serien oder andere Unterhaltungsmedien genutzt wird, kann der Motivation im Weg stehen. Wie beim effektiven Lernen bestimmt das Umfeld das sogenannte "Mindset", also die geistige Einstellung, und ist somit eine Voraussetzung, um aufnahmefähig, motiviert und leistungsbereit zu sein.

Soziale Komponente sehr mangelhaft

Gruppenarbeiten sind zwar in einigen Diensten umsetzbar und auch die Lehrkraft kann sich einschalten, um auf Fragen einzugehen und den Stand der Bearbeitung zu prüfen, doch die soziale Komponente und die positive Stimmung, die beim Präsenzunterricht und der Fortbildung ein wichtiger Faktor der Motivation ist, fehlt beim Fernunterricht. 
Miteinander etwas aus einem analogen Medium zu diskutieren ist umständlicher und der kleine Plausch zwischendurch und in den Pausen kommt zu kurz. Schließlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele unserer Teilnehmer der Fortbildung auch diese soziale Komponente sehr schätzen, Freunde finden und gern auf diese Zeit zurückblicken.

Experten sind sich einig: Fernunterricht sollte Ausnahme bleiben

In manchen Situationen ist es besser, auf Abstand zu gehen. Doch da Ihr individueller, beruflicher Weg die Interaktion in Gruppen mit Führungsaufgaben als wichtige Komponenten umfasst, gestalten sich die Möglichkeiten im Präsenzunterricht als einzige Lösung, um die Qualität der Lehre voll zu gewährleisten.

Auch bei der professionellen Nutzung guter technischer Angebote geht ohne die physische Erfahrung des Besuchs einer Lehranstalt vieles verloren, was sich in Ihrer Karriere, z. B. bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder beim Behaupten der Fähigkeiten in der Probezeit - als elementar zeigen kann. Fernunterricht kann eine Ausnahme für eine kurze Zeit sein. Bei berufsbegleitenden Kursen wurden die Anzahl der Stunden und die Vermittlung der Inhalte so optimiert, dass ein Ersatz durch Fernunterricht nur kritisch bis nicht umsetzbar ist.

Die Aspekte der Vermittlung von Inhalten der Aufstiegsfortbildungen nach IHK könnten dabei auch trotz bester Mittel und geschulter Lehrkräfte an Qualität verlieren und mehr auf den Fokus des Bestehens der Prüfung beschränkt werden, als nachhaltige Inhalte für Verwendung der Fähigkeiten im beruflichen Alltag zu liefern. Menschen sind soziale Wesen und darum gilt für uns: Nur Präsenzunterricht bietet das Erlebnis, wirklich dabei gewesen zu sein, und wird dem Bildungsauftrag und den hohen Anforderungen gerecht.

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